Rätsel des Welzheimer Ostkastells gelöst

[03.09.2017]

Rätsel des Ostkastells gelöst

Im vollbesetzten Mainhardter Römermuseum referierte Dr. Marcus Meyer vom Landesamt für Denkmalpflege über das römische Welzheim.

Innerhalb des UNESCO-Welterbes "Obergermanisch-rätischer Limes" nimmt der Abschnitt vom Odenwald über Hohenlohe bis in den Schwäbischen Wald eine Sonderstellung ein. Hier haben die Römer zur Zeit des Kaisers Marc Aurel ihre technischen Fähigkeiten demonstriert und auf einer Strecke von 80 km die Grenzanlage, zunächst eine Palisade, später Wall und Graben, völlig gerade durch das oft hügelige Gelände gezogen. Bisher ging man davon aus, daß es innerhalb dieser Strecke nur eine kurze Abweichung beim Ort Pfedelbach-Gleichen gibt, nach der der Limes wieder zum schnurgeraden Verlauf zurückkehrt.

Im Bereich der Stadt Welzheim warf die Annahme der geraden Linie jedoch offene Fragen auf. Auf einer Strecke von 3,2 km konnte der Limes im Stadtgebiet nicht nachgewiesen werden. Stattdessen fanden sich auf der angenommenen Linie römische Häuser und Brunnen. Das heute touristisch stark frequentierte Ostkastell liegt außerhalb der Linie, was völlig untypisch für römische Kastelle ist.

Bereits in den 1970er Jahren ergaben sich erste Hinweise darauf, daß beim Kleinkastell Rötelsee ein Knick in der Geraden sein könnte. Der Verdacht einer zweiten Abweichung von der Geraden ließ die Archäologen nicht mehr los. Es folgten weitere Untersuchungen, zuletzt mit modernster Luftbild-Technologie, die Strukturen unterhalb der Erdoberfläche erfassen kann, und im Oktober 2015 gelang der Nachweis: Die Römer nutzten das tief eingeschnittene Tal der Lein als natürliches Grabenhindernis und schufen so eine mehrere hundert Meter breite Beule in der Limesgeraden.

In römischer Zeit gab es in Welzheim jedoch noch ein weiteres Kastell, das erheblich größer und bedeutender war als das heute so bekannte Ostkastell. Rund 500 Meter weiter westlich war die Kaserne für eine 500 Soldaten starke Kavallerie-Einheit mit ihren Pferden. Sie stand unter dem Befehl eines römischen Ritters und war die stärkste Truppe am südlichen obergermanischen Limes. Bei den seit 1976 durchgeführten Untersuchungen fand sich unter anderem ein Gefäß mit schönen Emailverzierungen, wie sie hauptsächlich aus England und Nordfrankreich bekannt sind. Außerdem kamen Reste einer Kaiserstatue aus Bronze zum Vorschein, Hakenkreuzfibeln zum Verschließen von Mänteln, Anhänger von Pferdegeschirr und ein Hufmesser mit Götterfiguren.

Zwischen den beiden Kastellen erstreckte sich das 12 ha große Lagerdorf mit Badegebäude, Töpferei und einem Friedhof. In einem Brunnen fand man Teile einer römischen Paraderüstung: eine Knieschutzkappe mit Beinschiene und einen Schildbuckel verziert mit der Tapferkeitsgöttin Virtus, der Siegesgöttin Victoria und einem Adler.

Auch die Funde im Ostakstell können sich sehen lassen. Aufgrund dort entdeckter Inschriften kennt man die Bezeichnung der Einheit: Es war ein Numerus Brittonum sowie eine berittene Exploratores-Truppe für die Vorfelderkundung. Sie standen unter dem Befehl von Marcus Octavius Severus, einem Centurio der 8. Legion Gallica. In einem der drei Brunnen im Innern des Kastells fand man über 250 römische Schuhe, darunter viele Frauen- und Kinderschuhe, der größte Schuhfund des gesamten römischen Reichs. Auch dieses Rätsel des Ostkastells konnte nun gelöst werden: Der Brunnen wurde von einem römischen Schuhmacher als Abfallgrube genutzt.


 

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